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„Ich kann nicht alles selber machen und will es auch gar nicht!“

 

Der Bundesverband Graue Panther e.V., Dachverband der  Senioren Schutz Bund GP Vereine in Deutschland ruft zur mehr kritischen Verweigerung von Selfpoint Stationen im täglichen Leben auf!

Wöchentlich erreichen uns Anrufe oder Anschreiben, wie ältere und / oder behinderte Menschen sich noch in digitalen Alltag zurechtfinden sollen.

Einkäufe scannen, Überweisungen selbst online eingeben  Fahrkarten oder Bordkarten selbst ausdrucken ….!  Uns werden technische Neuerungen  als Fortschritt vorgestellt und sind  oft doch nur der  Vorwand Personalkosten zu sparen.

Was habe ich davon? ! Muss ich mich bald auch beim Zahnarzt selbst behandeln?

Und was ist mit dem Alleinstehenden, der erste Anzeichen von Demenz hat? Was mit dem, der eigentlich nach Schlaganfall  wieder fast mobil ist und gerne selbstständig leben möchte.

„Muss man denn alles immer selber machen?  Wenn  das früher die  Mutter ins Wohnzimmer rief, war sie in der Regel ziemlich wütend“, so in einem Brief dieser Tage an uns. „Meistens waren wir Kinder in solchen Fällen zu faul gewesen, aufzuräumen, abzutrocknen oder uns sonst wie nützlich zu machen“.

In letzter Zeit könnte man diesen Spruch immer häufiger überall schreien. Weil man neuerdings immer alles selber machen muss.

Das empfinden wir  als Zumutung.

 

Wieso muss man dann plötzlich an der Kasse stehen und Äpfel, Birnen und sonst was einscannen? Das ist zwar nur der eigene Kram, aber wo bleiben die  „guten Wochenend-Wünsche einer Kassiererin“?  Die Express-Kassen, an denen man in Selbstbedienung bezahlt, sind zwar noch nicht flächendeckend installiert, aber das kommt bestimmt noch. Sollen  die Arbeitslosenzahlen gesteigert werden? Es kann uns keiner glaubhaft machen, dass es kein Personal gibt. Es könnte eher sein, dass die Konzerne wie Metro und Co ihre Aktiengewinne zu unseren Lasten optimieren wollen.

Und dabei ist denen völlig egal, ob ältere, kranke oder behinderte Menschen auf der Strecke bleiben.

Wir sind nicht gegen eine moderne und zeitgemäße Ergänzung im Service. Durch Selfpoint Kassen im Discounter werden die Schlangen an den anderen Kassen kürzer, so dass diejenigen, die diese Kassen nicht nutzen können oder wollen auch etwas davon  haben.

Dennoch fordern wir die jüngeren, die gesünderen und die MITDENKENDEN auf, Selbstpoint Kassen und Servicestationen zu meiden.  Denn wir – DER KUNDE – stimmt mit seinem Verbraucher-Verhalten ab!! Und es kann jeder mal in die Situation kommen, dass er die Selbstpoint Kassen nicht nutzen kann – da braucht man sich nur mal den Arm zu brechen!

Und Vorreiter einer bösen Entwicklung gibt es zur Genüge.

Was waren das noch für Zeiten, als ich am Flughafen skeptisch äugte, ob die Mitarbeiter auch den richtigen Zielflughafen auf das Band eingegeben hatten, das um den Koffergriff gewickelt wurde, bevor er aufs Band kam. Lange her. Das Eingeben erledigt man jetzt selber und schmeißt den Koffer meist dann auch allein aufs Band. Bordkarten darf man eh von der eigenen Druckerfarbe bezahlen. Wann wird mir mein Friseur die Schere in die Hand drücken? Und wann der Zahnarzt den Bohrer? Logisch wäre das im Sinne dieser Entwicklung.

Und wehe, man sagt was. Dann gucken sie einen alle mitleidig an, als sei man der letzte Vollidiot oder vormodern, nicht aufgeschlossen technischen Neuerungen gegenüber. Die sind allerdings zu oft einfach nur Vorwände, Geld  an mir zu sparen.

Servicequalität? Stellen wir uns anders vor !!

„Bei dem Versuch, die Wunschnachbarin für die nächste Paketzustellung anzugeben, hatte ich zwar geduldigste mehrfach bewiesen, dass ich kein Roboter bin, aber darüber dann mein Passwort vergessen. Beim Kundendienst waren sie patzig und sagten, ich solle mich so lange durchs Internet klicken, bis ich das Antragsformular gefunden hätte, mit der sich die Sache wieder entsperren ließe. Ob sie mir das vielleicht auch einfach schnell mailen könnten? „Dazu sind wir nicht befugt. Haben Sie denn niemanden, der Ihnen mit dem Internet hilft?“, kam die etwas unverschämte Reaktion. Wie bitte?

 

Ich bin durchaus in der Lage, mit einem Computer umzugehen, aber nicht willens, meine Zeit mit nervigem Suchen zu verbringen. Unter Servicequalität stelle ich mir etwas anderes vor, nämlich ein bisschen praktizierte Hilfsbereitschaft, die mir eine Sache leichter macht.“

Aber der Freund, der nach dem Schlaganfall wieder in den Alltag kommt.  Wollen wir alte, kranke, behinderte Menschen nur noch ausgrenzen?  Die Zahl der alleinstehenden Menschen steigt stetig, aber für alles gibt es nicht Pflegedienst oder Haushaltshilfen, außer  alle wegrationalisierten Mitarbeiter der verschiedenen Servicestationen werden zu Pflege- und Haushaltshilfen umgeschult.

Wenden wir uns dem Bankensektor zu, hier gibt es zwar noch Service, wenn die Zweigstelle nicht geschlossen wird, aber nur gegen hohe Gebühren. Jeder Grundrente-Bezieher muss ein Konto haben, die Rente bar auf die Kralle gibt es schon lange nicht mehr.  Und wenn er nur mit den Augen beeinträchtigt ist, fällt ihm die Handhabung der Terminals im Filialen Foyer schwer.  Der Service seines Geldinstitutes kostet ihn einen großen Teil seines wenigen Einkommens, eine bessere Brille kann er / sie sich schon mal gar nicht leisten.

Wiederholt sich die Geschichte ?  Krank, alt oder behindert oder arm ist dann gleich unwertes Leben?

 

Göttingen im Oktober 2019

E.L-S. / U.L.